grauenfruppe

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textauszüge - grauenfruppe

(Daniela Beuren, Elke Papp, Karin Seidner, Martina Sinowatz)

MATHILDA EMPFIEHLT SICH IN DIE 4. DIMENSION

Mathilda erschafft Mathilda im virtuellen Raum. Der grenzt tatsächlich an den realen: Die gemeinsame Achse ­ nein Ebene (xy, yz oder xz) ­ ist der Bildschirm ihres Computers. Dort erhält sie Nachrichten aus dem Cyberspace von einer Frau. Mathilda erprobt ihre Möglichkeiten: XX, oder doch lieber XY [1] ? Die Frau heißt Ernestine und schreibt allabendlich an Math, wie sich Mathilda nennt, um nicht Verwirrung zu stiften. Math lernt Ernestine gut kennen. Bald weiß er alles über sie: dass sie unglücklich verheiratet ist, dass sie in einem Realitätenbüro arbeitet und keine Kinder hat, welches Theaterstück sie zuletzt besuchte, welches Buch sie gerade liest, welche Reisen sie schon unternommen hat und welches Aftershave [2] ihrer Meinung nach am besten riecht [3] .

Der Raum ist nicht wirklich [4] , sondern areal [5] . Real heißt auf Spanisch königlich. Math amüsiert sich königlich bei der Vorstellung, was Ernestine in ihrem Realitätenbüro so treibt. Er fragt sie lieber nicht danach, um sich die heitere Illusion nicht zu nehmen.

Und wieder betritt sie den virtuellen Raum als Math, wo er allen Ernstes die Regeln eines Spiels befolgt. Ernestine sitzt noch immer in ihrem Realitätenbüro. Sie macht eine Arbeitspause und wartet ungeduldig im Chatroom [6] . Versetzt er sie etwa? Das kann doch nicht sein Ernst sein! Ah, da kommt er ja endlich! Hi, Math! So süchtig sehnt sie sich nach seinen Worten, dass sie immer öfter die realen Realitäten verlässt und sich in jenem scheinbaren Raum, der keine real messbaren Dimensionen hat, verführen lässt ­ in dem neuen, unendlichen Universum, in dessen Raumzeit es mit potenten Rechnern möglich ist, in Sekundenschnelle von A nach B zu gelangen, ohne die Position C zu verlassen.

Zuerst erschien dem Menschen die Erde flach, zweidimensional. Ging er/sie durch die Welt und wollte an den Ausgangspunkt zurückkehren, musste die Linie gekrümmt werden. Spätestens seit Einstein war diese Krümmung dann auch im Raum passiert/erklärt und es war klar: Der Raum ist gekrümmt! Bis weiters klar wurde, dass auch diese Dimension die nächste Dimension krümmt, d. h. auch die Dimension der Zeit gekrümmt ist, verging noch viel solche und bis sie begriffen hatte, dass jede Dimension die nächste krümmt, waren viele Traumstunden nötig gewesen. Die Zeit ist auch gekrümmt: Auf Nacht folgt Tag, auf Tag folgt Nacht.

Sie dreht den Bildschirm ab, um auf der dunklen Fläche ihr Spiegelbild [7] zu betrachten.  Schemenhaft sieht sie sich gegenübersitzen in einem dunkelgrauen Raum, in dem sie doch alle Einzelheiten, die sich in Wirklichkeit hinter ihr befinden, vor sich sieht ­ wenn auch nicht so scharf und nicht in den Farben, die sie hatten, drehte sie ihren Drehstuhl um 180 Grad ­ hinter der Frau, die sie ist. Sie blickt ihr/sich in die Augen und hat Lust auf ein altes Spiel, das existiert, seit es Spiegel und die in ihnen scheinbaren Abbildungen realer Räume gibt.

„Ich empfehle mich in die vierte Dimension“ [8] murmelte sie gerne beim Schlafengehen vor sich hin. Sie war von Geburt an ein Nachtmensch und liebte ihr nächtliches Dasein. Das Leben in ihren Traumwelten war schon als Kind so viel angenehmer gewesen als die so genannte reale Existenz, dass sie auch tagsüber gerne vor sich hinträumte.  Es war aber auch das starke Empfinden eben jener vierten Dimension, die nur in der Traumwelt spürbar war und zu der sie sich so hingezogen fühlte. Oft befiel sie ein Schwindel, wenn ihr die Anstrengungen im Leben  zu viel wurden, und eben der hatte einen Sog in jene Traumwelten, in denen sie über den Dingen zu schweben vermochte.

Genau dort, mitten in der riesigen Pupille, sieht sie etwas wie einen Gebärmutterhals [9] . Er dreht sich wie [10] der Wasserstrudel [11] , der sich bildet, wenn das Badewasser in den Abfluss läuft. Ein Sog entsteht, zieht sie immer tiefer und tiefer hinein, bis in die finsterste Schwärze. Was steht auf der anderen Seite? Was ist die andere Seite? Was kommt dort heraus oder von dort herein? Ein ewiges schwarzes Loch oder ein neues Universum? Ausgerechnet Ernestine, der Realitätenfanatikerin, muss das passieren. [12]

M1, M2, M3, M4, M5,........ unendliche [13] Reihe der natürlichen Mathildan/as, wobei jede Mathilda/a rekursiv durch die vorhergehende Mathilda/a hergleitet werden kann. Nur M1 ist nicht herleitbar. [14]

lim f (Mn) = Gesamtkunstwerk

n gegen unendlich

Mathilda, die in ihrem bisherigen Leben noch keine Rechenoperationszeichen, sondern nur unendlich viele vielleicht Berechnung nicht entbehrende Liebesbriefe geschrieben hat, geht als M2 durch Raum und Zeit, wissend dass eine jede M zum Gesamtkunstwerk beiträgt.

Mathilda: Wer sind Sie?

Ernestine: Ich bin Mathilda. [15]

Mathilda: Die wievielte?

Sie erwacht schweißgebadet zu den fröhlichen Klängen von „Matilda, she take the money and run Venezuela“ [16] aus ihrem Radiowecker.

Mensch - Traum = Leben

Leben +Traum = Mensch [17]

Im Leben, in der so genannten realen Existenz, haben die Träume nichts verloren. Der Mensch muss sie tagsüber ruhen lassen, um im Leben bestehen zu können. Ruht der Mensch nachts, so ruht auch das Leben, nicht aber der Traum. „Ich dachte, Sie überbrächten mir Botschaft von meinem teuren Freund. Ich warte auf einen Brief aus Venedig, der mir seinen Traum [18] in Tönen überbringt“, Mathilda ist dem Weinen nahe. [19]

Ernestine/Mathilda greift sich an den Kopf. Vom vielen Verhandeln zwischen den Realitäten hat sie einen Tinitus [20] bekommen. „Ich wollte eigentlich Math treffen. Seit Tagen habe ich von meinem Realitätenbüro aus Mailverkehr mit ihm.“

Ernestine schreckt hoch. Sie muss kurz vor dem Computer eingenickt sein. Unheimlich gähnt ihr der schwarze Bildschirm entgegen. Sie drückt auf den Einschaltknopf, um ihn wieder zum Leben zu erwecken. Sogleich erregt ein „Pling!“ ihre Aufmerksamkeit ­ ein neues Mail ist gekommen! Voll freudiger Erwartung klickt sie auf die Zeile mit dem Fähnchen. Doch kein Mensch hat ihr geschrieben, sondern ein Computerprogramm: „Hi. This is the qmail-send program. I’m afraid I wasn’t able to deliver your message to the following addresses. This is a permanent error; I’ve given up. Sorry it didn’t work out.” [21]

“I’ve given up. Sorry it didn’t work out”, liest sie wieder. Es gibt ihr einen Stich, als würde die Botschaft von Math stammen. Und nun sieht sie, dass da nach vielen Zahlenreihen noch etwas steht: „83.45.39.7 does not like recipient.“

Ernestines/Mathildas Speicherplatz ist voll. Der Informationsstrom durchbricht alle Schleusen der Konvention und überschwemmt die im Datenmeer des 20. und 21. Jahrhunderts strampelnde und nach Luft schnappende Mathilda, welcher der Druck die Schädelknochen [22] zu sprengen droht. Vom Hirn haben sie beide nur das Bild der sich streitenden Hälften. Ernestine will ein Eigenheim, möglichst viele XY und XX bekommen [23] und Muse [24] werden, Mathilda hingegen will in die Unsterblichkeit [25] der DichterInnen eintreten.

Mathilda wird in den Medien gefeiert, die vier Schreiberinnen hingegen werden als lästige Trittbrettfahrerinnen angesehen, die an Mathildas Ruhm mitnaschen wollen. [26] Plötzlich sehen sie sich mit Mathilda-Merchandising-Produkten konfrontiert, deren Ursprung sie nicht kennen; eine Mathilda-Modelinie und Mathilda-Kosmetikserie, beide mit Artikeln für Sie und Ihn bzw. Sie/Ihn, sind entwickelt worden. [27]Im Cyberspace werden eigene Mathilda-Foren eingerichtet und virtuelle Math-Partys abgefeiert. Wagt sich eine der Schreiberinnen auf eine solche Plattform, so wird sie von „math13“ bis „math820“ verlacht, wenn sie erklärt, Math/ilda sei eine [28] literarische Figur, die sie zusammen mit drei Mitautorinnen entwickelt habe. „mathilda lebt!“ wird ihr kurz und bündig beschieden, und auf ihre beherzte Rückfrage, wie Mathilda denn entstanden sei, wird ihr ein Zitat aus dem Text vorgehalten: „Mathilda erschafft Mathilda im virtuellen Raum.“

Fehler! Unbekanntes Schalterargument.

Mathilda.doc" ist verschwunden


[1] Im Jahre 1925 wurde in den Tanzcafés Wiens  „Waltzing Mathilda“ geklimpert. Eine Frau, die aussah, als wäre sie einem Stummfilm entsprungen, und ihr Mann tanzten und tanzten: eins, zwei, drei. Um Eins Zwei und Drei kamen sie beschwingt nach Hause und am Dreißigsten des ersten Monats 1926 gebar die Schöne ein Kind mit dem Chromosomensatz XY. Sie gab ihm „Mathilda“ als zweiten Namen mit auf den Lebensweg.

[2] Jetzt ist es schon 22 Uhr. Wenn sich die Schreiberin an die chinesische Organuhr halten würde, würde sie sich jetzt mit Cremes oder Lotionen verwöhnen. Das macht sie aber nur ganz selten, wenn sich die Haut schon so trocken anfühlt, dass sie beinahe juckt. Sich eincremen gehört ihrer Meinung nach zu den faden Beschäftigungen ­ da hat sie es mit einem Glas Rotwein am Beistelltisch, für das es nach der chinesischen Organuhr schon viel zu spät ist, vorm Computer viel lustiger. Gerade grinst sie, weil sie natürlich, im Gegensatz zu Mathilda weiß, wer Ernestine jenseits ihres Bildschirmes ist: von wegen jung und hübsch. Wenigstens hat sie blonde Haare, aber kurze. Über Ernestine kann sie überhaupt nur lachen, die sich regelrecht in den ach so gefühlvollen Cyberspacemath verliebt. Auch Mathilda hat übrigens ihren Spaß und sitzt ebenfalls grinsend vorm Bildschirm. Ja, ja, manchmal ist sie ganz schön gemein.

[3] Der Sohn der Schreiberin ist noch immer auf und stört ihren Gedankengang, um ihr die Zahlen zu seiner soeben erfundenen Sprache zu zeigen.Die Schreiberin muss ihren  Ausflug in andere Welten schon wieder unterbrechen, weil der Sohn ein Silberfischchen am Klo entdeckt hat, das er  nicht  fangen will, weil ihm davor graust. Die Schreiberin wird das erledigen. Vorher hat sie keine Ruhe.Die Schreiberin ist wieder da. Sie liest im Brockhaus: „Silberfischchen, ein Ur-Insekt, > Borstenschwänze“ Das steht natürlich in einem andern Band. Dort liest sie, dass Borstenschwänze auch Thysanura heißen, dass es weltweit etwa 350 Arten gibt, dass sie reine Pflanzenfresser sind und des Weitern: „In feuchten Wohnungen ist das Silberfischchen ein Hausschädling an Papier, Zucker, stärkehältigen Stoffen und Textilien.“ Das harmlose, vegetarische Silberfischchen am Klo der Schreiberin musste übrigens sterben - Todesursache: Zerquetschung - und fand ein nasses Grab im Kloabfluss.

[4] Wo kommen wir denn da hin?

[5] Dieser Text ist in der Schrift Arial verfasst, die Fußnoten in Times, um dem Zeitgeist Genüge zu tun.

[6] Die vier Schreibenden sind computertechnisch nicht in der Lage, sich einen Chatroom einzurichten (manch eine der Schreibenden ist nicht einmal in der Lage, sich ihren room of one’s own einzurichten, wechselseitig müssen sich die Schreibenden dabei helfen, ihre Räume von über die Jahre angehäuften Texten und Textilien leerzuräumen) obwohl die montagetechnische Lage der Dinge es nun erfordern würde, da eine der vier Schreibenden zwar nicht aus der digitalen aber aus der realen Welt verschwunden ist. Während die drei in der montagetechnischen Schreibzentrale zusammen sitzen und mit allen Arten von Alkohol dem leeren Stuhl zuprosten, sitzt die vierte Schreibende in einem der Callshops, die neuerdings überall aus dem Pflaster sprießen, und wartet ungeduldig auf Nachricht aus dem Netz. „ich bin da.“ schreibt sie in bis vor kurzem noch netzüblicher Kleinschreibung und: wo seid ihr? lasst mich nicht zu lange warten! der shop sperrt um 22.00 h zu. Alles andere als ein Chat kommt alles andere als in die Gänge. Langsam und mühevoll bahnen sich die Zeichen ihren Weg durch den virtuellen Raum. Währenddessen treffen in der Inbox der Schreibenden Nachrichten aus aller Welt ein. Die meisten verkünden etwas, das sie nicht halten können: Ihr Geld ist da! Oder: penis enlargment for endless pleasure.

[7] Von der Spiegelwelttheorie hat sie natürlich keine Ahnung. Sofern sie sich nicht realitätsfernen Träumen hingibt, beschäftigt sie sich fast ausschließlich mit Realitäten. Etwas anderes hat sie nicht gelernt.

[8] In der zweidimensionalen Welt hat ein Würfel nur vier Ecken und vier Seiten. In der dreidimensionalen Welt hingegen sechs Seiten. In der vierten Dimension aber hat ein Würfel 24 Flächen und 8 Seiten: „Eine links, eine rechts, eine vorn, eine hinten, eine unten, eine oben- eine präsig und eine postig.“ „Was ist denn präsig und postig?“ Die Antwort und ein bewegtes Objekt finden Sie unter http://cips02.physik.uni-bonn.de/ScienceSite/hypercubus/main.html

[9] Die vor dem Bildschirm Sitzende und auf Nachrichten aus der montagetechnischen Schreibzentrale Wartende bekommt einen Kloß im Hals, als sie plötzlich schon wieder die Kunde einer Geburt vor Augen hat. Jahrelang hielt die sich als bald Gebärende Gebärdende ihr Leben unter Geheimverschluss. Plötzlich nennt sie Geschlecht, Namen und prophezeites Erscheinungsdatum in der Welt des sich in ihrer Gebärmutter befindlichen Kindes in beiläufigen Sätzen. Die Schreibende schreibt ein paar Sätze zurück, die Gefahr laufen, richtig verstanden zu werden. 

[10] Die Leser/innen mögen die vielen „Wies“ entschuldigen, aber woher soll Ernestine wissen, dass sie zumindest laut Gottfried Benn schreibtechnisch unzulänglich sind?

[11] Die Schreibende geht davon aus, dass Ernestine ein oder das Wurmloch gefunden hat. Ausgerechnet in ihrem Spiegelauge. Es gibt eine Menge Einflüsse, welche die Schreibende gerade auf diese Idee gebracht haben. Eigentlich kann sie sich den Assoziationen der ahnungslosen Ernestine aber durchaus anschließen. Das grafische Modell eines Wurmlochs, das sie einmal irgendwo gesehen hat, erinnert sie eher  an einen Gebärmutterhals als an ein Wurmloch.. Wahrscheinlich hat den Begriff „Wurmloch“ ein Mann erfunden, der schlicht und einfach das Bild des Gebärmutterhalses nicht im Kopf hatte. Schade, denn das Bild des Gebärens als Übergang in ein anderes Universum ist doch ganz passend.

[12] Ein winziger Geisterstrahlungsgang (Andrea Naica-Loebell: „Ghost radiation” als Mittel zur Stabilisierung des Raumzeittunnels. Heise Zeitschriften Verlag, Hannover 2002, www.telepolis.de) bildet sich rein zufällig gerade zu dem Zeitpunkt, als Ernestine ihre Augen hinter dem Monitorglas zu einem einzigen großen verschmelzen lässt, an gerade jener Stelle und zerfällt sofort, nachdem Ernestine hineingezogen worden ist.

Allerdings versteht die Schreiberin überhaupt nicht, wie eine ausgewachsene Frau durch einen Gang passt(Tobias Weihofer: Das Universum des Stephen W. Hawking. www.home.t-online.de/home/ Martin.Bradtke/hawking.htm So wie das Kamel durchs Nadelöhr? Da ergeben sich bibelinterpretatorisch neue Möglichkeiten: Vielleicht ist das Babyuniversum der Himmel, durch das man/Frau/Kamel ­ sofern nicht reich ­ durch ein Wurmloch/Nadelöhr gelgt? Wie das vor sich geht, ist natürlich ein Mysterium; aber Hawking verspricht, dass dabei keine Materie verloren geht. (a. a. O.) Damit ist die Vorstellung zerstört, dass der Eintritt zu Jenseits/Himmel/Baby-/Paralleluniversum ein rein geistiges Unternehmen ist. Die alten ÄgypterInnen taten also vielleicht recht daran, ihre Toten zu mumifizieren, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass sich in Pyramiden Wurmlöcher gebildet haben, nicht sehr groß gewesen sein dürfte. Aber wer weiß? Vielleichant war alles ganz genau berechnet und die Pyramiden wurden bloß zu früh aufgebrochen, so dass die ganze Mumifizierung jetzt für die Katz ist. Schade, sonst hätte Ernestine Kleopatra treffen können. ­Oh, gerade erfährt die Schreibende von einem in Geschichte Bewanderten, dass in vielen Pyramiden NICHTS gefunden wurde ...
Andererseits nimmt die Schreibende bei diesen Überlegungen die gängige Übersetzung des Gleichnisses als Grundlage. In der Fachwelt gibt es Zweifel darüber, ob Jesus wirklich vom Kamel (aramäisch gamal) sprach oder ob nicht vielmehr, in Anlehnung an eine damals umgangssprachliche Wendung, ein Schiffstau (gamta) gemeint gewesen sei und sich in die verschriftete Version, die der Übersetzung als Grundlage diente, ein falscher Buchstabe eingeschlichen habe (siehe Pinchas Lapide, „Ist die Bibel richtig übersetzt?“ Bd. 2, S. 54. Dass der Fall dort als ‘Übersetzungsfehler’ behandelt wird, findet die Schreiberin in höchstem Maße ungerecht).

[13] „Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer konstruktiven oder potentiellen Unendlichkeit.“ Lauwerier, Hans: Unendlichkeit. Denken im Grenzenlosen. Reinbeck bei Hamburg, Rowohlt, 1993, S. 20.

[14] „Wenn wir die Reihe der natürlichen Zahlen 1, 2, 3, 4, 5 ... betrachten, können wir sagen, daß jede Zahl aus der vorhergehenden durch die Addition von 1 abgeleitet wurde. Nur die erste Zahl 1 hat keinen Vorgänger und muß daher als Ausgangswert betrachtet werden.“ Ebenda.

[15] Seit Tagen ist ein Wurm im Web unterwegs. Ernestine/Mathilda muss in seine Schleimspur geraten sein. Web? Weh, Weh, Weh?

[16] in der langen, publikumsunterstützten Liveversion von Harry Belafonte

[17] Sie hatte sich schon immer für Traumdeutung interessiert, doch waren ihr die verschiedenen Theorien zu technisch und zu wenig visionär. Die ewig sexuellen Konnotationen der Freudschen Interpretationen waren ihr zu langweilig und die anderen Systeme zu technisch. „Wenn Sie von einem Spiegel träumen, symbolisiert das ihr Alter Ego.“ Die Schreiberin hatte beim Verfassen dieser Zeilen plötzlich ganz deutlich die Stimme ihres mittleren Sohnes nach ihr schreien gehört und ihm sogar geantwortet, weil die Vision so deutlich war, obwohl ihr eigentlich bewusst war, dass er zu diesem Zeitpunkt mit dem Kindermädchen im Schwimmkurs sein musste.

[18] Tristan und Isolde. Mathilda sollte dem Meister auf eine so gar nicht isoldsche Weise im Traum erscheinen „wo ihr Mund so schlaff, dabei nur boshaft zu Malicen sich öffnete.“ Wagner, Cosima: Die Tagebücher, Band 3, S. 425f. In: Schad, Martha: S. 88.  Der Meister hatte eine Traumdeuterin an seiner Seite: seine Frau Cosima, der er seine Träume diktierte.

[19]   Dann sollte sie sich schleunigst über das Programm der Grauenfruppe (www.grauenfruppe.at/projekte) informieren, damit sie wieder was zu lachen hat. Die Auseinandersetzung der 4 schreibenden Performerinnen  mit Freud, den sie kurzerhand mit Hannah Arendt zusammenspannen, ist dort übrigens ganz und gar nicht langweilig!

[20] Im Brockhaus findet sich hierzu kein Eintrag. Aber, wie der Sohn der Schreiberin sagen würde: „Google ist dein Freund!“

[21] Vielleicht hat die oder der Lesende Lust auszuprobieren, ob ihr/sein Mailprogramm es schafft, ein Mail an info@grauenfruppe.at zu delivern?

[22] „Die Möglichkeit, fremdes Hirngewebe oder Rechnersysteme dem Gehirn einzupflanzen, gestattet es nicht mehr, einfach am Schädelknochen die Grenze für die Selbstherrschaft festzumachen.“ Linke, Detlef, B.: Hirnverpflanzung. Die erste Unsterblichkeit auf Erden. Reinbeck bei Hamburg, Rowohlt, 1996, S. 17.

[23] Die sich schon mit allen Presstechniken alles Mögliche nur kein Kind herausgepresst habende Schreibende verlässt das Babyuniversum und begibt sich ins Googleuniversum - die drei Schreibenden haben nach einer kurzen Schreibpause verlangt, in der sie sich das mit allem anderen als Schreiben verdiente Abendbrot einverleiben können ­ um vielleicht dort jenseits von Schwanger- und Mutterschaft Hilfreiches zur erfolgreichen Autorinnenschaft zu entdecken. Während  sie das Suchwort „internettauglich“ eingibt, hängt sich ihr Computer auf. An welchem Strick, das findet auch der Inhaber des Ladens nicht heraus. Während die drei Schreibenden den restlichen Abend nun damit verbringen, auf die alten Zeiten anzustoßen, in denen das Chatten noch Tratschen hieß, und Mutmaßungen über das Verschwinden der vierten Schreibenden aus dem digitalen Raum anzustellen, wartet diese auf das Freiwerden eines Platzes am Netz, der begehrter scheint als ein Platz unter der Sonne, die vor der Ladentüre gerade ihre Abendvorstellung gibt. Auf einem der Plätze sitzt eine ganze Familie übereinandergestapelt. Nur der Vater fehlt, der wahrscheinlich gerade Tagesschau schaut, in der dunkelhäutigen Menschen von nächtlichem Betreten mancher Gegenden in Zeiten der Fussball-WM abgeraten wird. Eine kleine Anzahl von dunkelhäutigen Menschen befindet sich zur Zeit in diesem Callshop und kommuniziert via Computer mit der feindlichfreundlichen Welt, die nichts anderes zu tun hat, als am laufenden Band Eigentore zu schießen, bis eines Tages dem Ball die Luft ausgehen wird. Der Schreibenden geht währenddessen die Geduld aus. Da genießt sie lieber die letzten Sonnenstrahlen mit dem Geliebten bei einem Glas Rotwein beim Franzosen um die Ecke, der sein Geld nicht mit Zwiebelsuppe und Wein, sondern mit Indoor-Golf zu verdienen versucht. Was weiter aus Mathilda wird, will sie morgen überdenken.

[24]" Musen, die 9 grch. Göttinnen der schönen Künste und Wissenschaften, Töchter des Zeus: [...] Euterpe (Musik)." Der Volksbrockhaus, S. 551. Die Schreibende hat sich ganz fest vorgenommen, in recherchetechnischen Notfällen nicht mehr zum altbewährten Brockhaus zu greifen, aber sie muss jetzt auf die Gefahr hin, als medienkonservativ zu gelten, eingestehen, dass auf den 1981 für das Volk errichteten Brockhaus mehr Verlass ist als auf das sich über alle Zeiten und Räume hinweg spannende Netz, in dem die Schreibende in ihrer Arbeitszeit so genannte Privatrecherchen macht und anstatt die griechischen Göttinnen anzutreffen, in einen Mathematikkurs namens „mathmuse“ (www.maa.org/news/mathmuse.html) gerät. Die Schreibende, die zwar unmathematisch aber durchaus musikalisch/musisch ist und auch schon einmal die Muse eines Mannes war, der aus den Steinen die Frauen schlug, recherchiert ja nicht ausschließlich zu ihrem Amusement!

[25] Die Neurochirurgie arbeitet seit Jahrzehnten an der Unsterblichkeit des Menschen. Nicht nur Tierhirngewebe, sondern auch das von im 3. bis zum 5. Schwangerschaftsmonat abgetriebenen Feten gewonnene Hirngewebe wurde in menschliche Hirne eingepflanzt. Eine vollständige Hirnverpflanzung beim Menschen ist bis dato noch nicht möglich aufgrund der ethischen Gesetze des „Hirntodes“, laut denen erst einem toten Menschen sein Hirn entnommen werden darf, und tot heißt (gerichts)medizinisch: nach erfolgtem Hirntod. Vgl.: Linke, Detlef B.: Hirnverpflanzung.

[26] Zum Beispiel mit ihrer Performance „Mathildas fruchtbare Techniken/Mathilda macht Fortschritte“, in der sie behaupten, Mathilda erfunden zu haben. Fotos siehe www.grauenfruppe.at

[27] Leider sind die durchaus ansprechenden Produkte zu teuer, als dass die Schreibenden sie sich leisten könnten.


Auszüge aus dem Lexikon der Lust

Lustharpye, die:
Das Wasser läuft im Nabel zusammen.
Keinen Raum, keine Zeit denk ich mir.
Sensationshungrig war ich begierig zu kommen.
Ich greife mit beiden Händen zu.
Wissensdurstig bin ich begierig dich aufzublättern.
Automatismus bestimmt das Geschehen.
Ich reiße dich auf, ich verleibe dich ein!
Mit Echsenbissen mein Lieber!

Lustkunst, die:
Ich sitze mit Ernst Jandl im Altwien und erkläre ihm anhand eines Beispiels, wie meine neu entwickelte Montagetechnik funktioniert. Dabei breite ich unzählige Papierschnipsel auf dem Tisch aus – aus Zeitungen ausgeschnittene Wörter, die ich nach einem bestimmten Prinzip ausgesucht habe und nach einem bestimmten System zusammenfüge. Jandl ist sehr interessiert, stopft sich seine Pfeife, blickt über seinen Brillenrand und sagt: „Sehr interessant – eine Innovation!“

Lustschule, die:
Bub: Und die Kinder sind alle aus Lebkuchen, mit ganz viel buntem Zucker
drauf.
Mutter: Na geh!
Bub: Nur die Lehrerin nicht. Die fressen die Kinder auf.
Mutter: Na!
Bub: Und dann bin ich der Herr Lehrer!
Mutter: Du hast Ideen!
Bub: Und die Kinder sind alle aus süßem Speck und Gummi .
Mutter: Na geh!
Bub: Und immer wenn einer schlimm ist, beiß ich ein Stück ab!
Mutter: Na! Bin ich dann wenigstens deine Lieblingsschülerin?
Bub (schleckt sich mit der Zunge die Lippen ab): Du bist durchgefallen.
Die Katze ist meine Lieblingsschülerin.

Lustversuch, der:
In meinem Waschbecken lag eine Nachricht von ihr. Sie hatte sich unter
einem Vorwand Zugang zu meiner Wohnung verschafft. Dass ich vor dem
Weggehen noch in den Spiegel im Badezimmer schauen würde, das wusste sie
von Frau zu Frau. Und im Waschbecken würde ich den Zettel finden. Ich
erschrak freudig und begann zu lesen. Die Nachricht sagte, dass sie mich
schätzte als warme, runde, liebesfähige und liebenswerte Frau, und dass
sie mich anziehend fand. Dort, wo er innig wurde, sprach der Zettel
Englisch, die Sprache, die meine Gefühle gelernt haben von klein auf mit
den ersten Beatlesliedern. Und ich wusste, ich würde sie sehen am selben
Abend noch, und der Zettel wusste es auch, aber nicht nur von Sehen sprach
er ... Wir trafen zusammen in einer Gruppe freundlicher Frauen. Sie
streichelte meinen Rücken. Ich nahm sie mit nachhause. Im Bett zog sie
dann Vergleiche zu der jungen Frau, die sie knapp vor mir kennen gelernt
hatte, und ich schnitt dabei in ihren Augen schlechter ab. Aber warum sie
dann weinte, bevor sie einschlief, verstand ich nicht. Ich konnte
jedenfalls nicht schlafen.

 

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